10. Mai 2017. Wir fliegen aufgeregt nach Maasbracht, wo die Linssen 45.9 geputzt und mit Welcome-Drink auf ihren neuen Eigner wartet. Udos seit Langem erträumtes und angepeiltes Ziel: die schwedischen Schären.

Erst heißt es aber einräumen und umräumen. Kaum zu glauben, was da alles von unserem Vorgängerschiff, einer 40.9, zu verstauen ist! Aber nach drei Tagen hat alles seinen Platz gefunden, die Systeme sind getestet, die Probefahrt ist absolviert, und nach einem exquisiten Dinner im Restaurant „Da Vinci“ als Belohnung geht es am 13. Mai endlich los.

Erster Stopp: Der Hafen „’t Leuken“ mit wunderbarer Abendstimmung, dann weiter nach Nimwegen, wo uns das Glück in Form eines zentralen und perfekten Liegeplatzes lacht, der noch dazu wegen Umbaus gratis ist. Ein nettes Städtchen, wo heute ein bezaubernder Food Market abgehalten wird. Nach einer ordentlichen Portion Spareribs schlürfen wir noch einen köstlichen Scropino (ein Zitronen-Wodka-Sorbet) und genießen den perfekten Abend nach einem sonnenklaren Tag.
Das Wetter bleibt uns weiter sehr hold, der Wesel-Datteln-Kanal zeigt sich außerordentlich freundlich und der Tag endet vor der Schleuse Hünxe an einem friedlichen grünen Liegeplatz; einzige Trübung: Der Generator zeigt eine Öldruck-Warnung und streikt. Also erfolgt ein telefonischer Hilferuf und wir vereinbaren einen Technikerbesuch für den nächsten Tag in Münster.
Die nächsten Schleusen passieren wir, als hätten wir vorher trainiert, freuen uns aber dann doch über eine schleusenlose Strecke durch den Dortmund-Ems-Kanal. Die Reparatur unseres Generators (ein Kondensator ist geplatzt!) verhilft mir zu einem ganzen Tag in Münster. Der Stadthafen ist umgeben von Lokalen und voll fröhlicher Menschen, die Stadt selbst ansprechend und sehr sehenswert. Ganz „legal“ liegen wir hier nicht, aber die freundlichen Herren der Wasserschutzpolizei sehen rasch ein, dass wir mit einem technischen Problem hier einfach nicht wegfahren können und wir verlassen den Hafen letztlich sogar mit einer Sicherheitsplakette der Polizei.

Es geht die nächsten zwei Tage sehr flott weiter, auch wenn es immer wieder regnet. Über Hannover fahren wir flugs bis Wolfsburg. Dann wird es wirklich anstrengend. Zwar legen wir von unserem Liegeplatz vor der Elbebrücke schon um 7.30 Uhr ab, müssen aber bei der Schleuse Hohenwarthe (18,5 m Hub!) ziemlich lange warten – und wir wollen heute noch bis Potsdam! Es wird dunkel und die Orientierung und Navigation zur Marina „Am Tiefen See“ ist durchaus eine Herausforderung, aber um 22.30 Uhr liegen wir „römisch-katholisch“ (in Österreich für Anlegen Bug vor Heck) an einem Steg hinter einer Brücke. Am 23. Mai treffen wir einen Berliner Freund, der ein kundiger und bereitwilliger Führer durch die Parkanlagen von Sanssouci ist. Es ist sonnig und ziemlich heiß und wir sind guter Dinge, auch, da der Tag in Form eines ausgezeichneten Essens in einem entzückenden italienischen Restaurant ausklingt.

Wir nehmen in Berlin Udos Sohn und Schwiegertochter, Lutz und Tanja, an Bord – als erfahrene Segler sind beide eine echte Verstärkung der Crew - und fahren bis zum Schiffshebewerk Niederfinow, das wir am nächsten Tag passieren. Die Technik des Riesenbauwerks hat uns stark beeindruckt. 50 Tagesmeilen bis Gartz und eine weitere Tagesetappe von 43 Meilen bringen uns bis Swinemünde, wo das eigentliche Abenteuer beginnt. Wir wollen noch einen ausführlichen Spaziergang machen, aber ein heftiger Regenguss verkürzt unseren Gehwillen auf die Strecke bis zur Hafenkneipe, wo wir deftig, aber gut essen. Dann begeben wir zu eher solider Zeit zu Bett, denn morgen früh geht es ganz zeitig los. Wir haben 76 Meilen vor uns und Ziel ist Bornholm. Den Windfinder und alle anderen Prognosen kennen wir schon auswendig, wir müssen uns allerdings sehr anstrengen, aus den Metern pro Sekunde einen uns geläufigen Wert zu erhalten. Wir überlegen …. und ja, wir fahren los.
Um 4.45 Uhr wird abgelegt, ruhige See, aufgehende Sonne, toll. Ein Stückchen dürfen wir die Sonne noch bei ihrem Aufgang beobachten. Das war’s aber dann auch mit der angenehmen Überfahrt: dichte Wolken, kühl, Wasser 14,5 Grad, wenig Sicht und eine sehr unangenehme Welle genau von der Seite.

Nicht jeder Magen ist diesem Gerolle ganz gewachsen und wir müssen auch feststellen, dass unsere Verstauung im Schiff für eine Seefahrt noch deutlich verbesserungswürdig ist. Obwohl wir der Meinung waren, alles sei fixiert, herrscht leichtes Chaos. Auch der hübsche Sessel, der neben dem Steuermannsstuhl steht, fährt samt draufsitzender Hilde trotz eines geradezu gordischen Knotengewirrs ordentlich durch die Gegend. (Dieser Zustand wurde mittlerweile behoben, wir sind jetzt stolze Besitzer eines zweiten Steuermannsstuhls, die Bordfrau sitzt nicht nur sicher, sondern kann auch ohne aufzustehen etwas sehen!) Wir navigieren perfekt, auch wenn der „Auto-Joschi“ (die GPS-Selbststeuerung) sich bei der seitlichen Welle sehr unkonventionell benimmt und hin und wieder eine rasante 360-Grad-Drehung einleitet – bei dieser Welle ein eher unangenehmes Manöver. Schifffahrtsrouten werden wunderbar gekreuzt, alles spricht nach etwa elf Stunden dafür, dass Bornholm nur mehr zwei Meilen entfernt ist, nur – man sieht es nicht. Wir beginnen schon Zweifel zu hegen, aber Gott sei Dank taucht die Küste knapp vor dem Aufprall doch noch vor uns auf. Auch die sehr hübsche Marina „Norrekas“ ist schnell gefunden, wo wir doch tatsächlich einige Wikinger beim Gang (nicht Schwimmen!) ins Wasser, das mittlerweile satte 13 Grad hat, beobachten dürfen. Dann kochen unsere lieben Gäste einen herrlichen Gulasch und wir fallen früh und todmüde ins Bett. Nach der Anstrengung haben wir einen Ruhetag verdient. Wir unternehmen einen außerordentlich schönen Ausflug mit dem Bus zur Burgruine Hammershus, wo wir sehr standhaft dem beachtlichen Sturm trotzen und dänischen Kindern bei einer Art Ritterspiel zusehen. Dann machen wir noch einen bezaubernden kleinen Marsch nach Allinge, wo wir köstlich speisen.

Aus dem Ruhetag werden aus wettertechnischen Überlegungen drei Tage. Rønne ist allerdings eine entzückende kleine Stadt, in deren windgeschützten Straßen man durchaus auch mal ein wenig in der Sonne verweilen und sich’s gut gehen lassen kann, was wir auch ausführlich tun.

Ins gelobte Land Schweden

Der 2. Juni entspricht dann wieder unseren Vorstellungen für eine geordnete Weiterfahrt und so machen wir uns auf ins gelobte Land Schweden. 30 Meilen haben wir heute bis Simringshamn vor uns, wo ich meine erste schwedische Fischsuppe esse, herrlich! Natürlich wollen wir rasch weiter, Karlskrona ist unser Ziel, aber neuerlich höchst unangenehme Wellen bei starkem Wind lassen uns umdisponieren. Wir kürzen unsere Route ab und laufen die Insel Hanö an. Hier liegen wir sicher und gut, allerdings scheinen wir November zu haben, nicht Juni, denn es ist schauderhaft kalt, es regnet, es ist Grau in Grau. Aber Lutz hat sich vorgenommen zu grillen, also grillt er auch, ein feuchtkühles Erlebnis! Na ja, im Sommer grillen kann jeder!

Ein weiterer Schlechtwettertag muss eingeschoben werden, dann geht es endlich durch die ersehnte Schärenlandschaft, wo wir rasch in tiefe Dankbarkeit verfallen, dass wir auch elektronische Seekarten haben – die Navigation ist wirklich anspruchsvoll. Aber diese Schärengärten sind unglaublich reizvoll, und heute spielt auch einmal das Wetter mit, es ist sonnig bei etwa 4 Bft. Nachmittags laufen wir in Ronneby, in der Marina „Ekenäs“ ein, wo wir ein wunderbares, pittoreskes Plätzchen finden. Neben uns liegen einige schwedische Motorboote, auf denen der schwedische Nationalfeiertag begangen wird. Die Grillwürstchen von nebenan duften so herrlich, dass sich Tanja mit dem erstmals in Betrieb genommenen Beiboot und dem Fahrrad auf Einkaufstour begibt, während Udo und ich die Umgebung spazierend erkunden. Folgerichtig gibt es abends gegrillte Würstchen mit Rosmarinkartoffeln und Salat.

Am nächsten Tag legen wir morgens frohgemut Richtung Karlskrona ab, aber zu unserem Leidwesen hat die Steuerbordmaschine kein Kühlwasser. Welche Erleichterung, dass wir zwei Maschinen haben, auch die Backbordmaschine allein bringt uns wunderbar an unser Ziel. Bevor ein Mechaniker gerufen wird, testen wir den Motor nochmals, und zu unserer großen Freude läuft alles wieder. Vermutlich wurden wir wohl auf der Fahrt das Grünzeug, das die Ansaugöffnung offenbar verstopft hatte, wieder los. Und der Impeller hat’s überlebt!
Lutz und Tanja müssen am 9. Juni heimreisen, die Pflicht ruft. So verbringen wir zwei sehr nette Tage in Karlskrona, besonders reizvoll der Besuch des Schifffahrtsmuseums und das wirklich köstliche Essen im Marinarestaurant „Fish and Vinj“.
Und dann sind wir wieder allein. Wir brechen nach Öland auf. Zuerst haben wir eine traumhaft schöne, aufregende und ziemlich schwer zu navigierende Fahrt durch die Schären. Da heißt es aufpassen wie ein „Haftlmacher!“ (das heißt sehr genau).
Dann queren wir nach Öland und legen in Grönhögen, einem absolut bezaubernden und verträumten Hafen an. Schön ist es hier, wenn auch kühl! Jetzt verlangt die „Elfin Cove“ einmal etwas Pflege, auch eine Menge Wäsche hat sich angesammelt. Aber wir starten auch zu einer Radtour in das wunderschöne Vogel- und Naturschutzgebiet Ottenby, Natur pur, wunderbar. Allerdings macht uns beim Radfahren der (Gegen-)Wind ziemlich zu schaffen.

Weiter geht es nach Borgholm und wir dürfen wieder einmal ordentlichen Starkwind erleben, bedauerlicherweise auch am Liegeplatz. Wir schaukeln gar heftig. Eigentlich sollte ja hier in Borgholm, im Sonnenviertel Schwedens, wo auch das schwedische Königshaus das Sommerschloss Solliden besitzt, „High Life“ sein: Das ist allerdings ein Gerücht, es ist ziemlich ausgestorben, die meisten Lokale geschlossen (dabei sind seit gestern Schulferien, also theoretisch Hochsaison). Das Essen, das wir bei einem einmaligen Restaurantbesuch serviert bekommen, ist einfach nur schlecht. Die Spaziergänge durch das Naturreservat, zum Schloss und zur Burgruine Borgholm sind allerdings sehr schön. Mehr und mehr erleben wir hier die weißen Nächte – es wird gar nicht mehr richtig dunkel. Unsere Luken in der Achterkajüte bedecken wir jetzt unter den Vorhängen zusätzlich mit Karton, sonst ist es zum Schlafen zu hell.

Am 14. Juni gibt es morgens etwas sehr Ungewöhnliches: Sonnenschein pur. Man könnte beinahe glauben, dass es hier doch so etwas wie Sommer gibt. Wir öffnen das Verdeck am Achterschiff, herrlich. Der Weg bis Oskarshamn ist noch recht freundlich, aber beim Tanken und Anlegen geht schon wieder ein gewaltiger Schauer nieder. Nordisch halt.
Und weiter geht es Richtung Norden, 42 Meilen bei durchaus freundlichem Wetter und nur 3 Bft Wind (ja, wirklich) aus Süd, aber recht bald wird es wieder kühl und fängt an zu regnen. Vor Loftahammar liegen wir erstmals vor Anker und es ist wunderbar. Wir bleiben einen Tag, lassen es regnen, schlürfen Prosecco, essen fein und sind einfach faul.
Jetzt wollen wir in die Sankt-Anna-Schären, die uns von Einheimischen als so besonders schön geschildert wurden. Am Morgen ist es neblig, aber recht bald lacht die Sonne vom Himmel. Die Schärenlandschaft ist tatsächlich traumhaft, ganz wie aus dem Prospekt. Die Navigation ist wieder eine wirkliche Herausforderung, aber alles in allem ist es endlich einmal so, wie wir uns das erträumt haben. Das eigentlich angepeilte Fyrudden erweist sich als gänzlich ungeeignet für unsere große, schöne „Elfin Cove“, also fahren wir weiter und ankern letztlich in der Traumbucht schlechthin, in den Lusholm-Linders-Fjorden. Bilderbuchreif!

Es ist so schön hier, dass wir länger bleiben wollen, aber das Wetter… Der Wind legt stetig zu, also doch besser in eine Marina. Wir haben unsere ursprünglichen Reisepläne geändert, weder streben wir weiter nach Stockholm, noch drehen wir um und fahren zurück, wir werden unsere Fahrt durch den Göta-Kanal quer durch Schweden bis Göteborg fortsetzen und dann heimkehren. Also geht es jetzt Richtung Mem, wo der Kanal beginnt. Auf unserer Route findet sich nichts Passendes zum Anlegen. Wir haben 6 Bft, Wind mit Böen bis 37 Knoten, so dass wir gleich bis Mem fahren. Dort geschieht ein kleines Wunder: Es ist plötzlich ruhig, sanft, gut, sonnig und wir liegen in einer traumhaften Umgebung. Wir können sogar – ganz unerwartet – einen langen Abend draußen verbringen.

Schwedens Bauwerk des Jahrtausends

Die Formalitäten sind rasch erledigt, wir erhalten unser „Pickerl“ (= Klebeetikett), mit dem nicht nur die Durchfahrt bezahlt ist, sondern auch die Benutzung aller Schleusen und 21 Marinas.
Der Göta-Kanal (190 km) ist zusammen mit dem Trollhätte-Kanal 390 km lang, passiert 58 Schleusen, 50 Brücken, 2 Trogbrücken und 5 Seen und überwindet dabei 91,5 m. Er ist ein wirklich beeindruckendes Bauwerk, das zu Schwedens Bauwerk des Jahrtausends gekrönt wurde. Von 1810 bis 1832 arbeiteten insgesamt 58 000 Menschen daran, eine Strecke von fast 90 km von Hand zu graben, mit Schaufel und Spaten.

Wir erhalten Info-Material über die Strecke, werden über das richtige Schleusen instruiert, laden die Göta-Kanal-App herunter, kaufen noch eine lange Leine – dann kann es gleich mit der ersten Schleuse losgehen. Auf der Reise durch den romantischen Kanal sollte man durchatmen und die Seele baumeln lassen. Und so legen wir schon nach dem „beachtlichen“ Tagespensum von 2,3 Meilen an einem weiteren Traumplatz, in Söderköping, an. Es ist warm, das Städtchen bezaubernd, ein langer, leerer Steg, eine Tapas-Bar daneben, das erfreut die Herzen. Wir besteigen den Hausberg, spazieren durch den Ort, shoppen ein wenig und bleiben letztlich in einem netten Lokal hängen, wo wir endlich mal draußen sitzen können, und essen Fischsuppe.
Morgens legen wir ab und 6 Stunden, 12 Schleusen, 3 Begegnungen mit anderen Booten und etliche Brücken später (das Öffnen der Brücken klappt übrigens meist vorzüglich!) landen wir in Norsholm vor dem Roxen-See.
Norsholm bietet eigentlich nichts, das Wetter ist windig und kühl. Also kochen wir etwas Feines und freuen uns auf den nächsten Tag, an dem wir zunächst den Roxen queren. Die Landschaft ist einfach wunderschön, völlig einsam, es ist sehr windig. Und dann erklimmen wir über die Schleusentreppe „Carl Johan“ 38,8 m Höhe bis zum Yachthafen „Berg“. Wir sind völlig allein. Auf Nachfrage hören wir, dass an diesem Tag erst ein einziges anderes Boot geschleust hat. Die großzügige Marina „Berg“ bietet Raum für 40 Schiffe, wir sind aber ganze sieben.
Die Strecke des nächsten Tages nach Borensberg ist wieder typisch Kanal: pflichtgemäß Regen, ziemlich viele Schleusen, 8 Brücken, eine geruhsame Fahrt durchs Grüne, Pferde, Schafe, Kühe, kaum ein Haus. Schön.

Und schon wartet am nächsten Tag nach der Querung des Boren-Sees die nächste Schleusentreppe auf uns, durch die wir mehr als zügig, ja geradezu rapid geschleust werden. Heute ist ja Sommersonnenwende, eines der größten Feste in Schweden. Also erhoffen wir uns ausnahmsweise ein wenig Leben und vielleicht gar etwas Lustbarkeit. Die nette Studentin an der Schleuse empfiehlt Motala, dort gebe es ein besonders schönes Fest – also nichts wie hin! Am Kanal passieren wir tatsächlich eine Wiese mit lebhaftem Treiben und Feststimmung. Der Liegeplatz in Motala erweist sich allerdings als eher geeignet für „Spielzeugschiffe“ – wir sind aber letztlich einigermaßen gut „angeleindlt“ (vertäut) und freuen uns auf den Abend. Also auf nach Downtown Motala. Dort ist es ausgestorben, tot. Kein Geschäft, kein Restaurant offen, keine Menschen. Aber wir haben beim Herfahren doch das lustige Fest gesehen, da gehen wir einfach den Kanal entlang hin. Allerdings unterschätzen wir die Distanz ein wenig, es ist ein weiter Marsch! Und dann herbe Enttäuschung: Alles ist schon vorbei, keine Leute mehr da, der letzte Stand verkauft uns vorm Zusperren noch ein Shrimps-Sandwich. Langer Heimweg. Regen setzt ein, entwickelt sich zum Starkregen. Kalt. Wir machen es uns am Schiff heimelig – welch Segen, dass wir die dekadente Fußbodenheizung haben! - und schauen uns ein paar Folgen „Downton Abbey“ an. Happy Midsummer!

Um 7.30 Uhr am nächsten Morgen weckt uns ein ungeplanter Alarm meines Handy, und das ist durchaus gut so. Der Windfinder prognostiziert für die nächsten beiden Tage 5 bis 7 Bft. Unser Liegeplatz ist weder bequem noch sicher und wir haben die Überquerung des Vättern, des zweitgrößten Sees Schwedens, vor uns, der ziemlich tückisch sein kann und absolut mit offenem Meer zu vergleichen ist. Also brechen wir Hals über Kopf auf und es wird eine reichlich windige und wellige Angelegenheit. Der Wind kommt natürlich aus etwa 90 Grad und hat etwa 100 km Wasserfläche zum Aufbau der Welle. Immerhin sind wir inzwischen Meister im Stauen, es fliegt nichts mehr herum. Wir kommen eher gebeutelt in einem hübschen, kleinen „Gästhamn“ Forsvik an. Irgendwie ist hier überall die Zeit stehengeblieben. Ich war ja vor 28 Jahren schon einmal hier und habe die Fahrt mit der „Juno“, dem ältesten Kanalschiff, absolviert, die wir übrigens dreimal treffen. Seither hat sich praktisch nichts verändert. Viele der Fotos von damals sind austauschbar. Schon abends besichtigen wir die vielgefürchtete 3,5-m-Schleuse mit unebenen Felswänden, die wir am nächsten Tag zu bewältigen haben, die wir dann übrigens bravourös meistern. Nun befinden uns am Viken-See, dem höchsten Punkt des Göta-Kanals, auf 91,8 m. Unser Liegeplatz in Hajstorp ist wunderbar, im Grünen, einsam, nur ein Schiff außer uns. Die Anlagen sind wie überall mit Sanitäreinrichtungen, Waschmaschine und Küche gut ausgestattet und blitzsauber. Wir legen einen Putz-, Wasch.- und Einkaufstag (Letzteres per Rad) mit faulem Ess- und Fernsehabend ein.
Grande Finale von „Downton Abbey“!
Der 27. Juni ist unser letzter Tag auf dem Göta-Kanal, der uns heute seine Zuckerseite zeigt: Es ist strahlendes Wetter, die Landschaft bilderbuchreif ... und viele Schleusen! Vor der letzten Schleuse des Göta-Kanals, in Sjötorp am Vänern-See, übernachten wir. Erst gibt es einen kleinen feinen Lunch mit einem Gläschen Weißwein und einen Spaziergang durch den Ort und an den See, und weil uns das Lokal so gut gefallen hat, gehen wir abends gleich noch einmal hin und speisen herrlichen Zander mit Spargel und Kartoffeln.
Dann geht es weiter, am Ufer des Vänern entlang nach Süden bis Mariestad, wo wir wieder einen Gast an Bord nehmen.

Mariestad hat eine schöne Kathedrale, in der gerade die faszinierende Ausstellung „Ikonen im Wandel“ zu sehen ist, auch gibt es hier eine sehr nette Altstadt und eine Menge Shops und Restaurants. In einem davon, am Ufer des Sees, hören wir ein Ziehharmonikaorchester und essen ganz vorzüglich.

Vänernsee

Der 1. Juli sieht uns bei der Überquerung des größten schwedischen Sees, des Vänern. Wir haben den absolut perfekten Tag für die Überfahrt gewählt. Anfangs ist es noch schaukelig, was bei unserem Gast eine leichte Seekrankheit in Form von Schlafsucht auslöst, dann wird es strahlend sonnig, eine leichte Brise, das Verdeck wird heruntergelassen. Wir schlürfen ein paar Gläschen Prosecco und genießen jede Minute unserer heutigen 53 Tagesmeilen. In Vänersborg liegen wir an Moorings, sehr schön am Rande der an sich sehr netten Stadt – aber irgendein Nightlife scheint es in Schweden nicht zu geben. Bei unserem Spaziergang nach dem Abendessen sind die Straßen eigentlich menschenleer.

Trollhätte-Kanal

Um 7.00 Uhr haben wir am nächsten Tag Tagwache, denn wir wollen nach Lilla Edet und vor uns liegen etliche Brücken und vor allem eine anspruchsvolle Schleusentreppe im Trollhätte-Kanal. Allerdings weht immer noch ein äußerst kräftiger Wind und wir haben zuerst das Problem zu lösen, wie wir unbeschadet aus dem engen Liegeplatz an Moorings herauskommen. Wir verschieben das Ablegen, gehen nochmals einkaufen, überlegen wieder und fassen uns schließlich nach eingehender Beratung um 12.00 Uhr ein Herz: Wir fahren ab. Stress pur! Wir schaffen es und sehr erleichtert schippern wir los. Die Schleusen sind groß und etwas schwierig, aber alles läuft bestens.

Unser Ziel Lilla Edet, das sehr hübsch beschrieben war, ist ein herbe Enttäuschung. Der Hafen ist winzig, wir können kaum hineinmanövrieren und es gibt keinerlei geeignete Plätze. Also fahren wir bis zum nächsten Wartekai, legen an, kochen und haben es schön. Und jetzt liegt bis Göteborg nur mehr eine Etappe vor uns. Der Hafen „Lilla Bommen“ liegt mitten in der schönen, lebhaften Stadt, direkt vor dem modernen, eindrucksvollen Opernhaus. An dem für Schiffe unserer Größenordnung reservierten Steg sind allerdings mehrere Moorings gebrochen oder gar nicht vorhanden, aber wir verspannen uns, nach Rücksprache mit den Nachbarn, kreuz und quer und liegen halbwegs sicher. Es ist eine Wohltat, endlich eine lebhafte Stadt mit vielen netten Restaurants, Cafés, Shops und – tatsächlich – Menschen zu erleben. Wir genießen den Nachmittag und Abend.

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Der zweite Teil des Törns, über Marstrand, Helsingör, Kopenhagen, den Barther Bodden, Stralsund, Wolgast, Stettin, Berlin, Wolfsburg und wieder zurück zum Heimathafen ist eine eigene Geschichte. Jedenfalls endet die Reise in Maasbracht nach 2021 Seemeilen – ein wunderbarer Törn, auch wenn wir später von einem Schweden erfahren, dass es der kälteste schwedische Sommer seit 158 Jahren war – tja, schlecht ausgesucht! Aber die Erinnerung ist überwiegend wunderbar, mit vielen traumhaften Eindrücken und einem gehörigen Schuss Melancholie, dass diese Reise zu Ende ist.